5:45 Uhr. Schon wieder so früh wach. Mein Kopf rechnet sofort mit: In Deutschland ist es jetzt 6:45 Uhr. In zwei Tagen fliegen wir zurück. Also quäle ich mich nicht mit dem Versuch, noch einmal einzuschlafen. Ich stehe auf.
Nur: Was mache ich mit zwei Stunden bis zu meinem Lauftraining? Da fällt mir das Gespräch von gestern ein. Das ältere Ehepaar hat mir einen anderen Rückweg empfohlen, an den Klippen entlang. Kurzerhand ziehe ich mich an. Komoot sagt 5,3 km, also rund 1 km mehr als die bekannte Runde. Normalerweise brauche ich dafür eine Stunde. Zwei Stunden habe ich. Das passt. Also los.
Im Mondlicht zum Gipfelkreuz
Es ist noch stockdunkel, deshalb packe ich die Stirnlampe ein. Am Anfang hilft sie mir an den schwierigen Stellen, die ich schon kenne. Sicher ist sicher. Mehr braucht es aber nicht: Der Mond scheint so hell, dass die Lampe nur an diesen Passagen angeht.
Und dieser Mond. Den Sternenhimmel von vor zehn Tagen gibt es heute nicht, dafür strahlt der Mond so hell durch die Wolken, dass er fast wie die Sonne aussieht. Unglaublich schön. Ich mache ein Foto nach dem anderen und lasse mir mehr Zeit als gestern.


Entsprechend bin ich „erst“ nach 35 Minuten oben am Gipfelkreuz. Langsam wird es heller. Es ist erst das vierte Mal, dass ich hier oben stehe. Wird mir das nicht zu viel? Nein. Auf gar keinen Fall. Herrlich, wenn die Welt erwacht und ich von oben zuschauen kann. Das ist meine Art von Entspannung. Ja, bei Puls 143.

Hinunter zum kleinen Strand
Jetzt kommt der unbekannte Teil, also bleibe ich nicht zu lange oben. Ich gehe 30 m den gleichen Weg zurück und biege dann rechts ab, Richtung Gran Tarajal. Den Trampelpfad erkenne ich gut, ich folge ihm einfach. Komoot meckert nicht. Alles richtig.
Der Weg ist wirklich schön. Diese Vulkaninsel ist genial. Hübsch im klassischen Sinn ist sie nicht, aber die Natur fasziniert mich: Lavagestein, Geröll, dazwischen Abschnitte mit Schiefer.

Der Weg führt immer weiter nach unten, bis ans Meer. Der Abschnitt heißt kleiner Strand. Ich bin inzwischen in einer Schlucht, und die führt tatsächlich direkt zum Wasser. Am Ende der Schlucht sehe ich etwas Rotes. Ein Zelt. Und einen nackten Mann, der sich zum Glück gerade anzieht. Er hat dort tatsächlich gezeltet, umgeben von vielen Lidl-Tüten. Schon etwas suspekt. Ich grüße kurz und gehe weiter in die Bucht hinein, für zwei, drei Fotos.

Von Meereshöhe geht es wieder hinauf auf etwa 50 m. Auch dieser Abschnitt ist entspannt. Nach gut 15 Minuten stehe ich am Window, einer Felsformation mit einem Loch, das wie ein Fenster aussieht. Direkt rechts daneben kommt die Sonne hinter den Wolken hervor, der ganze Himmel strahlt gelb. Fast unwirklich.

Es sieht so aus, als könnte man hinklettern und ein Foto durch das Fenster machen. Das reizt mich. Aber rechts geht es steil hinunter, und mein Höhenmesser zeigt rund 50 m. Zu riskant. Ich gehe weiter.
Der gefährliche Abschnitt
Apropos riskant. Zwei Minuten vorher stand ich an einer Abzweigung. Links hoch auf die 120 m, dorthin, wo mich bisher jede Tour hingeführt hat. Komoot aber sagt: geradeaus. Und dazu: gefährlicher Abschnitt. Das nehme ich erst einmal hin und gehe weiter.
Der Weg wird tatsächlich steiniger, rechts fällt der Hang zum Meer ab. Noch alles gut. Dann kommen die Felsen von Las Playitas, und ab hier erkenne ich kaum noch einen Weg. Vor mir eine Felsformation mit einem Einschnitt wie ein V. Da muss man wohl durch. Dafür müsste ich aber anderthalb Meter hochspringen, ohne zu wissen, wie es auf der anderen Seite aussieht. Und müsste ich dort wieder hinunterspringen, kann ich leicht abrutschen.


Ich schaue mir die Formation noch einmal an. Rechts geht die Sonne auf, der Himmel leuchtet weiter gelb. Dann muss ich weiter. Ich nehme den Weg nach links oben, über die Felsen hinweg. Das Hochklettern geht gut, und ich hoffe, dass oben der Weg weitergeht.
Die Hoffnung endet zehn Höhenmeter weiter oben. Auf der anderen Seite der Schieferfelsen muss ich wieder hinunter und dann den Weg suchen. Oh Mann, bin ich froh, dass die Kinder nicht dabei sind. Sonst hätte ich richtig große Angst. Ich sichere jeden Schritt dreifach. Immer mindestens drei Kontaktpunkte. Der Körper bleibt nah am Boden oder am Fels. Rutsche ich ab, liegt so wenigstens viel Fläche auf.
Mein Puls ist sonst wo. Aber ich schaffe die 50 m in einer Viertelstunde. Heil. Alles noch dran. Nicht einmal eine Schürfwunde.

Ab hier sind es nur noch ein paar hundert Meter zum Hotel. Es ist 7:50 Uhr, gleich beginnt mein Lauftraining. Ehrlich gesagt bräuchte ich das gerade nicht. Aber wann bekommt man schon einen Lauftechnik-Kurs geschenkt?
Der Weg vom Window an der Küste entlang bis zu den Felsen von Las Playitas ist in Komoot als gefährlicher Abschnitt markiert. Ab der V-förmigen Felsformation ist kaum noch ein Pfad zu erkennen, das Gelände ist Kletterei auf Schiefer über dem Meer. Die sichere Alternative ist die Abzweigung kurz vor dem Window, links hinauf auf rund 120 m und auf dem bekannten Weg zurück.
Den Komoot-Hinweis „links abbiegen auf Weg“, der mich ins Dickicht führt, kenne ich ja schon. Wenn Komoot aber riskant sagt, überlege ich mir das nächste Mal viermal, ob ich das wirklich mache. Vielleicht treffe ich heute das Ehepaar wieder. Dann frage ich, ob die beiden diesen Abschnitt wirklich gegangen sind. Oder ob ich den Weg einfach nicht gesehen habe.

































